"Partner" Hund...



Seit nun schon vielen, vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema „Partner Hund“. Ich referiere zum Thema in Hundeschulen und Workshops und mit großer Aufmerksamkeit verfolge ich die Beiträge in Foren, Gruppen und Hundetreffs im Internet.


Da ich gerade wieder auf Schreibbeiträge gestoßen bin, die mich zum Nachdenken anregten, möchte ich hier den Raum nutzen, mal meine Gedanken mit den Lesern zu teilen.



 

Glaubt man einer Studie im Science“ Magazin aus dem Jahr 2007, so wurde der Wolf bereits vor 100.000 Jahren domestiziert. Als man die DNA von Wölfen und Hunden verglich, kam man zu diesem wirklich unglaublichen Zeitpunkt, seit dem Hunde uns Menschen begleiten. Sehen wir im Vergleich dazu Katzen, so sind diese „erst“ seit etwa 3000 bis 4000 Jahren Begleiter des Menschen.

 

Aber auch nach diesem gewaltigen Zeitraum neigen wir noch immer dazu, missbräuchlich mit Aussagen umzugehen, die sich inzwischen als veraltet und überholt erwiesen haben und die in der modernen Kynologie ständig revidiert werden.

 


Immer wieder treffe ich auf die Aussage vom „Rudel“ und dem „Rudelchef Mensch“. Dazu gilt es zu wissen: Ein Rudel ist ausschließlich ein Verband von Hunden. Kennzeichnend für ein Rudel ist immer, dass die Tiere mit einander verwandt sind. Also ein „gewachsener“ Verbund von Tieren.


Reden wir daheim von den Hunden, die in unserem Haushalt leben, so müssen wir korrekterweise von einem „Verband“ sprechen. In den seltensten Fällen handelt es sich nämlich um ein echtes Rudel. Immer nur dann, wenn z.B. eine Mutterhündin und eines ihrer Jungen bei uns lebt.



Der Mythos vom „Rudelchef Mensch“ ist und bleibt dabei ein Mythos. Fakt ist: Hund bleibt Hund und Mensch bleibt Mensch. Ein Rudelchef kann nur der sein, der mit seinem Hund a) in Rassegleichheit (als Hund) und b) in vollkommen ausgeprägter Gleichheit (gleiche Lebensumstände wie fressen, jagen schlafen, Pflege des Verbandes/Rudels) lebt.


Was sagt uns das?


Einerseits neigen wir Menschen zu starker Vermenschlichung unserer Tiere, zeitgleich wollen wir aber als gleichwertige Partner unserer Hunde leben. Dieses ist i.d.R. zum Scheitern verurteilt, wenn wir Menschen nicht effektiv lernen, unsere Hunde als das zu sehen was sie sind: Gefährten unseres Lebens, aber eben keine Lebenspartner.



Mich erschreckt zuweilen, in welcher Form das geliebte Haustier betrachtet wird. Der Hund wird angeschafft als Begleiter und treuer Freund. Zeitgleich verlangen wir den Tieren aber ab, was gut in unseren Alltag integrierbar ist und unseren menschlichen Interessen entgegen kommt. Mal ehrlich: Wer würde seinen „echten“ Partner behandeln wie einen Hund? Sicher niemand der Leser hier!


Bestes Beispiel: Ich habe zu Mittag Steaks und Pommes, sowie Salat zubereitet. Mein Mann bekommt ein Steak von mindestens 350 Gramm und ich als Frau die obligatorischen 180 Gramm. Mein Mann starrt auf mein Steak. (Auf der anderen Seite des Zaunes ist das Gras eben doch immer grüner…)

Würde ich meinen Mann nun auffordern, den Esstisch zu meiden? Würde ich ihm gar den Zutritt zu Küche, oder Esszimmer verweigern? Sicher eher nicht!


Wenn aber ein Hund hungrig auf das sehr begehrte Stück Fleisch starrt (und zwar unabhängig davon, ob das Tier schon gefressen hat), dann hagelt es fast augenblicklich a) entweder ein Verbot und ab auf den Platz, oder b) der Hund darf gar nicht erst in den Bereich des Esstisches kommen.


Würde ich meinen Mann zwingen, außerhalb des Schlafzimmers zu schlafen? Zu von mir festgesetzten Zeiten zu essen? Zeit mit mir zu verbringen, obwohl es im Fernsehen gerade Fußball gibt? Würde ich von ihm mir gegenüber unbedingten Gehorsam einfordern, ohne dass er dabei einen eigenen Willen zeigen oder äußern dürfte? Würde mein Mann sofort kommen, wenn ich pfeife?


Zeigen Sie mir diese Partnerschaft und sie funktioniert? Eher… nicht! Wir würden unsere menschlichen Lebenspartner nicht als vollwertig betrachten und auch keinesfalls ernst nehmen.


Wie steht es also mit dem „Partner“ Hund? Salopp ausgedrückt: Wohl eher … mager!


Aus dem ehemals sehr gleichberechtigten Gefährten des Menschen ist ein Spielball von Eitelkeiten, Bestimmungen und veralteten Ritualen geworden. Der Hund ist für uns Menschen so lange ein guter Gefährte, so lange er „funktioniert“ und kompatibel zu unserem Leben ist.


Das wundervolle Wort Dominanz“. Für mich persönlich ein Schrecken, wann immer ich dieses Wort nur lese und noch mehr, wenn das Wort „Dominanz“ immer dann auf dem Platz erscheint, wenn Menschen unfähig sind, mit ihrem Hund zu interagieren und zu kommunizieren. Da wird jeder Erziehungsmängel durch den Halter sofort als Dominanz seitens des Hundes bewertet. Da wird munter bei Rüden entbommelt, da der Kerl ja „so schrecklich dominant“ ist. Da wird gemaßregelt, gestraft und auch mal geschlagen. Gewalt gegen Gewalt also?


Dominanz: Durchsetzungsvermögen gegenüber Schwächeren!
Prävalenz: Vormachtstellung!


Glauben Sie wirklich, Ihr Hund hätte Ihnen gegenüber ein „Durchsetzungsvermögen gegenüber einem Schwächeren“? Doch sicher nicht! Im Gegenzug ist es doch wohl eher so, dass wir Menschen über die Prävalenz gegenüber dem Hund verfügen!


Woran scheitert also das Prinzip „Partner Hund“?


Und wieder schlage ich den Bogen zu einer vermeintlichen Partnerschaft, in der der Mensch das Sagen hat und der Hund ausschließlich ausführendes Organ zu sein scheint.

Natürlich versorgen wir unsere Hunde von Jahr zu Jahr besser, umfangreicher und luxuriöser. Erzeugnisse für Haustiere haben nicht umsonst einen gigantischen Markt in Deutschland und dieser Markt boomt!


Zitat:


Daten & Fakten


Deutscher Heimtiermarkt mit Umsatzplus

Heimtiermarkt wächst im Fach- und Lebensmitteleinzelhandel 2013 um 1,1 Prozent


Die deutsche Heimtierbranche entwickelt sich weiterhin positiv. Mit insgesamt 3.909 Mio. Euro lag der Gesamtumsatz im Fach- und Lebensmitteleinzelhandel um 1,1 Prozent höher als im Jahr zuvor.

Der Umsatz mit Heimtier-Fertignahrung im Fach- und Lebensmitteleinzelhandel übertraf das Ergebnis aus 2012 mit nunmehr 2.974 Mio. Euro um 1,2 Prozent. Das Segment „Bedarfsartikel und Zubehör“ erzielte mit 935 Mio. Euro ein Umsatzplus von 0,8 Prozent.


Hundefuttermarkt übertrifft erneut Vorjahresergebnis


Auch im Jahr 2013 wuchs der Markt für Hundefutter weiter und behauptete sich mit einem Umsatz von 1.204 Mio. Euro (plus 2,4 Prozent). Das Segment „Snacks“ erzielte dabei das beste Ergebnis: Mit einem Plus von 7,3 Prozent übertraf die Sparte
erneut das gute Vorjahresergebnis mit jetzt 428 Mio. Euro. Der Bereich „Feuchtfutter“ verzeichnete eine Umsatzsteigerung auf 370 Mio. Euro, ein Plus von 1,9 Prozent. Lediglich das Segment „Trockenfutter“ musste einen leichten Rückgang von 1,9 Prozent auf 406 Mio. Euro hinnehmen.

„Snacks mit funktionalem Zusatznutzen sowie Belohnungsartikel werden von Hundehaltern weiterhin stark nachgefragt“, so Georg Müller, Vorsitzender desIndustrieverbands Heimtierbedarf (IVH) e.V. „Das spiegelt sich in den diesjährigen Zahlen deutlich wider. Die insgesamt positive Entwicklung liegt zudem darin begründet, dass sich der Trend zu Einzelportionen sowie zu Nahrung mit Mehrwert für den Hund im Jahr 2013 fortgesetzt hat.“


Quelle: IVH – Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) e.V.



Sehen wir dazu die Einnahmen der Kommunen aus der Hundesteuer an, so können wir mit Fug und Recht behaupten: Hunde stellen eine Wirtschaftsmacht dar! Wir stellen also eine mehr als solide Grundversorgung unserer Hunde sicher. Wir sorgen uns sehr um sie!

Im Gegenzug muss man aber sagen, dass wir unsere Hunde mehr und mehr in das für uns passende Lebens-Schema zu pressen versuchen. Der Hund ist dabei nicht mehr so furchtbar oft einfach nur „Hund“. Er darf es nicht sein…


So mancher Hund in Deutschland hat einen Terminkalender wie ein Top-Manager. Da wird die 7-Tage-Woche ausgefüllt mit Agility, Unterordnung, Dog-Dance, Fährtenarbeit, Rettungsdienst, Sozialdienst und immer wieder Gehorsam/Unterordnung und
Begleithundearbeit.


Wir erwarten von unseren Hunden zu jeder Zeit absolut perfekten Gehorsam und den Wunsch, uns zu Diensten zu sein, gefallen zu wollen und… zu funktionieren.

So manches Herrchen/Frauchen beschwert sich vehement darüber, dass der Vierbeiner „draußen so gar nicht hören“ will. Woran liegt es?

 

Wieder ein Beispiel aus dem Leben:

Mein Mann liebt lange Shoppingausflüge in den Baumarkt seines Vertrauens. Der mit dem orangefarbenen Logo. Natürlich begleite ich ihn. Aber meine Begeisterung ist deutlich gedämpft. Gesetzt den Fall, im Baumarkt des Vertrauens wäre eine Ecke, in der der Schuh-Hersteller meines Vertrauens einen Shop betreiben würde. Was glauben Sie? Würde ich mir mit voller
Begeisterung Schraubendreher und Regale voller Scharniere anschauen, oder mich vielleicht klammheimlich verdrücken, um mal einen begierigen Blick in die Ecke mit den neuesten Sommerschuhen zu werfen.


Wird mein Mann sich deswegen beklagen? Sich scheiden lassen wollen? Gar eine Eheberatung aufsuchen nach dem Motto: Meine Frau sucht nicht mehr meine Nähe?

Sicher nicht!


Wir haben es als Hundehalter versäumt, bzw. es verlernt, auch auf die Grundbedürfnisse unserer Hunde einzugehen und das macht mich immer wieder nachdenklich.


Welcher Hundebesitzer weiß heute noch, dass unsere Hunde uns während eines Spazierganges sanft an der Hand anstubsen, um Gemeinsamkeit herzustellen und zu demonstrieren?


Warum akzeptieren wir nicht einfach (zumindest manchmal), dass Hunde zuweilen draußen einfach andere Sachen wichtiger, aufregender und elementarer finden, als Herrchen oder Frauchen? Gekränkte Eitelkeit, weil wir nicht immer die Nummer eins im Leben unseres Hundes sind? JA!  Wir klagen schnell über einen ungezogenen Hund, der einfach nicht hören will! Wir nehmen Rütteldosen, Spritzflaschen, Wurfketten und manchmal sogar das schreckliche Teletakt-Gerät, um die Aufmerksamkeit unseres Hundes zu erzwingen.


Warum nehmen wir nicht mal an, dass der Hund mit uns spazieren gehen will, statt umgekehrt? Wie schön muss es für einen Hund sein, mal selbst den Weg vorgeben zu dürfen und wir folgen vertrauensvoll? NEIN! Bitte an dieser Stelle nicht wieder das Wort „DOMINANZ“…! Lieber „PARTNERSCHAFT“!



Da lese ich von Menschen, die sich einen Welpen angeschafft haben und klagen, dass das Kleine nachts weint. Der Welpe wird aber ganz allein in einem dunklen Raum gelassen. Der Verlust des Rudels ist für einen Hund lebensbedrohlich. Mama und Geschwister sind fort. Das winzige Tierchen ist allein in einer Welt der Zweibeiner. Es wird gestreichelt und berührt, auch wenn es das nicht mag. Es muss sich früh an Regeln halten, die in diesem Moment unumgänglich und nützlich sind. Es wird überflutet mit Außenreizen, muss zeitgleich lernen, hören und aufpassen. Multitasking gehört aber nicht unbedingt zu den Anfangsbedürfnissen eines Welpen.



Wir nehmen unsere Welpen zu uns ins Bett, in unsere Arme. Nähe, Wärme, Geruch und Vertrauen. Kurz: BINDUNG! Nirgendwo lernt ein Welpe besser eine Bindung aufzunehmen, als in unmittelbarer Nähe zu seinem Menschen! Vertrauen und Bindung, die ein ganzes Hundeleben währen wird und die der Hund niemals infrage stellen wird! Wir müssen es einfach nur
zulassen!



Da las ich dieser Tage, dass sich jemand beschwerte, sein Hund würde ihm den ganzen Tag in der Wohnung nachlaufen, draußen hingegen seine eigenen Wege gehen. Und prompt kommt ein Vorschlag, das Tier zu „Lernzwecken“ kurzfristig an einem Heizkörper zu fixieren. Schließlich müsse ein Hund lernen, dass man auch mal seine Ruhe als Mensch haben wolle und das Tier dann an seinem Platz auszuharren habe. Zeitglich ist die Rede von verstärkter „Bindungsarbeit“...!


Ja, was denn nun? Der Hund zeigt in der Wohnung Bindung, die aber nicht gewollt ist. Herrchen/Frauchen wünscht Bindung anscheinend nur draußen aktiv zu sehen. Mir kräuseln sich die Haare vor stummen Entsetzen.

Letztlich zeigt aber gerade dieses Beispiel wieder, dass wir Menschen verlernt haben, unseren Hunden ein echter Partner zu sein. DU gehorchst und ICH bestimme – so lautet heute die Beziehung Hund-Mensch. Das „WIR“ scheint es nicht mehr so oft zu geben.


Ich wünschte mir, dass Menschen wieder mehr „hündisch“ lernen und sich mehr Mühe geben zu verstehen,  w a r u m  ihr Hund so reagiert, wie er eben gerade reagiert.


Schauen wir zurück zu der Zeit, als Canis Lupus zu Canis Lupus Familiaris wurde, sehen wir, dass Hunde für die damaligen Menschen echte Begleiter waren. Man aß zusammen, man jagte zusammen und man schlief zusammen. Es wuchs zusammen, was -für uns heute selbstverständlich- zusammen gehört.


Aber was haben wir den Hunden im Laufe der Evolution angetan? Wir haben sie zu demütigen, gehorsamen, vorzeigbaren Robotern gemacht. Zu Wesen ohne eigenes Empfinden, eigenen Willen. Einzig dazu da, uns zu Gefallen zu sein und es uns – möglichst rund um die Uhr- recht zu machen. Dabei verhalten wir Menschen uns völlig schizophren.


Wir vermenschlichen unsere Hunde, lieben sie wie Kinder (was ich persönlich total okay finde, so lange die Tiere ein eigenes Leben leben dürfen und auch Hunde bleiben dürfen) und gleichzeitig verlangen wir so bedingungslosen Gehorsam, wie er anscheinend bei unseren Kindern schon lange nicht mehr eingefordert wird. Wir halten uns keine Partner, sondern Sklaven unserer eigenen Willkür.


Ich persönlich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr darüber nachdenken, wie wir wieder zu guten Partnern für unsere Hunde werden, zu verlässlichen Freunden und Begleitern. Wir dürfen nie vergessen: Wir teilen nur ein kurzes Stück unseres Lebens mit einem Hund, aber der Hund teilt sein ganzes Leben mit  u n s  !


Lassen Sie uns wieder mehr hündisch lernen und anwenden. Lassen sie uns wieder mehr Freiräume für unsere Hunde schaffen und wenn Ihr Tier beim nächsten Mal nicht sofort gehorcht, dann denken Sie doch einfach: Er hat heute einfach mal keine Lust. Morgen ist ein neuer Tag und morgen werden wir wieder miteinander arbeiten.

 

In diesem Sinne: Seien Sie einfach mal für eine kurze Zeit ein Hund, schauen sie sich "ihre" Menschen an und bilden Sie sich eine eigene Meinung {#emotions_dlg.teeth} !