Showlinie und Jagdlinie - warum?



Entwicklung von Show- und Arbeitslinie beim Labrador



In den sehr frühen Jahren der Labradorzucht etwa um das Ende des 19. Jahrhunderts war es möglich, dass ein Labrador an einem Tag einen Field Trial (Leistungsprüfung im Feld) Wettbewerb startete und auch gewann  und am kommenden Tag auch im Showring punkten und siegen konnte. Die Ursprungsrasse war so ausgelegt, dass sie einem zweifachen Zweck diente. Damit war der Begriff des „dual purpose dog“ geprägt.



Sicher muss man aber anmerken, dass es bereits damals höchst selten war, Hunde zu einem zweifachen Zweck zu züchten, was sich bereits darin erklärt, dass in den letzten rund 100 Jahren überhaupt nur 10 Tiere in Großbritannien den Titel „Dual Champion“ erringen konnten!


Der letzte britische Champion der sowohl Field Trial Champion, als  a u c h  Show Champion war und damit den Titel „Dual  Champion“ in Großbritannien tragen durfte, war der 1946 geborene Rüde „Knaith Banjo“ .


Unter den Champions befanden sich insgesamt nur zwei gelbe Rüden und eine einzige Hündin. Ansonsten waren ausnehmend alle Dual Champions schwarze Rüden!



Mit der stark zunehmenden Popularität der Rasse befürchtete der englische Kennelclub eine Aufspaltung in Arbeitslinien und Showlinien und befürwortete und forcierte bei Verpaarungen eine Gewichtung beider Linien, um eine Aufspaltung in Show- und Arbeitslinien möglichst zu unterbinden. Im Jahr 1909 erließ der Kennel Club eine Richtlinie die besagte, dass kein Hund Champion werden kann, der nicht auch ein Championat in einer Arbeitsprüfung nachweisen konnte. Diese Richtlinie wurde jedoch teils umgangen und teils durch unterschiedliche Championate in einem Bereich verwässert, ehe es zu einer echten Umsetzung kommen konnte.


In den 30er Jahren zeigten die die Befürchtungen bezüglich einer Aufspaltung der Rasse als begründet.


Bereits Lord Knudsford hatte früh gemahnt, dass man diese Rasse nicht in „Arbeitstiere“ und „Ritter in Rüstungen für Schönheitswettbewerbe“ aufteilen sollte. Habe doch die Vergangenheit gezeigt, dass die Tiere durchaus beidenszu leisten vermögen: Schönheit und Fertigkeiten bei der Arbeit. Knudsford mahnte eindringlich, keine Verwässerung der wundervollen Anlagen der Tiere zu betreiben. Doch es war zu spät.


Langsam und unaufhörlich kam es zu einer Aufspaltung der Rasse in reine Showlinien und reine Arbeitslinien.


Während der Adel den Labrador als großartigen Jagdhund schätzte und liebte und demgemäß gezüchtet wurde, erfreute sich die Rasse mehr und mehr auch in anderen Kreisen großer Beliebtheit. Diese Halterkreise wollten ausschließlich Hunde, die auf Schönheit gezüchtet wurden und im Show-Ring erfolgreich präsentiert werden konnten. Man muss hinsichtlich dessen beachten, dass zu dieser Zeit die Jagd noch weitestgehend dem Adel vorbehalten war. Aber auch der „normale“ und gutsituierte Bürger wollte mit seinem Labrador „präsentieren“ und das bot sich auf Ausstellungen an!


Es kam, wie es kommen musste: Es wurden fortan zwei Linien gezüchtet.



Showlinien, ausgerichtet auf Schönheit, Sanftmut und ein eher ursprüngliches Erscheinungsbild und sog. Jagdlinien, ausgerichtet auf die Arbeit im Feld, mit schlankem, geschmeidigem und hochbeinigen Erscheinungsbild und leichter als die Tiere aus den Showlinien. Vom Wesen her „aufgeregter“ und jagdtriebieger.


Der Dual-Purpose-Gedanke wurde weiter und weiter in den Hintergrund gedrängt.


Mit Beginn des 21. Jahrhunderts begann man wieder, sich mit dem Gedanken der „Dual-Pupose-Züchtung“ mehr zu beschäftigen. Erbkrankheiten, Auffälligkeiten im Wesen und eine vielschichtigere Verwendbarkeit rückten wieder mehr in den Vordergrund.


Aber auch heute kann man noch immer nicht ein Abweichen von den zwei Linien erkennen. Bislang zeigt sich noch immer sehr ausgeprägt der Wunsch nach entweder einem Hund der Showlinie, oder einem einer Jagdlinie. Man mag überlegen, woran es liegt. Sind es die hohen Ansprüche an Tiere aus einer Dual-Purpose-Zucht, die Erfolge im Ring auf den Ausstellungen erschweren? Oder ist es schlicht der „Geschmack“ der Hundehalter, die sich nicht auf einen Gemeinschaftstyp des Labradors verständigen mögen?