Die Scheinschwangerschaft ist doch normal...

 

Im Berufsleben hatte ich viel mit Hunden zu tun und immer wieder fiel bei den Besitzern von Hündinnen der Satz „ Ich verstehe es nicht! Meine Hündin ist schon wieder scheinschwanger.“

Hier liegt bereits ein erster Irrtum der Hundebesitzer vor, denn eine Hündin ist nicht „schon wieder“ scheinträchtig, sondern vielmehr ist es so, dass eine Scheinträchtigkeit zum regulären Zyklus der Hündin zugehörig ist!

Wir müssen hier in der Evolution tatsächlich auf Wölfe Rückgriff nehmen. Auch wenn heute die These vorherrscht, dass unser Haushund (Canis Lupus Familiaris) nicht mehr viele Eigenschaften des Wolfs hat, so finden wir im Bereich „Scheinträchtigkeit“ nur einen und dafür sehr schlüssigen Bezug zum Vorfahren Wolf.

  
In einem Wolfsrudel wird in der Regel nur die Alpha-Hündin trächtig. Die restliche „Damenwelt“ nimmt instinktiv „Rücksicht“ , beugt sich dem alpha-dominanten Tier und wird nicht gedeckt. Sollte das Alpha-Tier jedoch bei der Geburt der Welpen versterben, oder durch Krankheit oder sonstige Einflüsse die Welpen nicht säugen können, müssen die weiteren weiblichen
Rudeltiere als Ammen agieren. 

  
Zu diesem Zweck hat es die Natur so eingerichtet, dass auch eine nicht tragende Hündin Milch bildet, einen intensiven Mutterinstinkt entwickelt und Sorge/Schutztrieb gegenüber Welpen entwickelt. Diese Ausprägung erlangt ziemlich exakt seinen Höhepunkt zu dem Zeitraum, wo nach einem Deckakt Welpen geboren worden wären, also nach etwa 50-60 Tage nach der Hitze. Auf diese Weise kommt es zur sog. „Pseudogravidität“, der Scheinträchtigkeit.

  
In der Natur ist dieser Vorgang überlebenswichtig zum Erhalt eines gesunden und zahlreichen Rudels. Zur Sicherung und Aufzucht der Welpen aus der Alpha-Verpaarung.

  

Wie kommt es zur Scheinträchtigkeit?

  

Ein Progesteron-Anstieg ist bei jeder Hündin nach der Läufigkeit festzustellen und zwar völlig unabhängig davon, ob die Hündin gedeckt wurde, oder nicht. Diese physiologische Eigenheit erklärt auch, warum bei einer Hündin kein Schwangerschaftstest gemacht werden kann!

  

Progesteron und Prolaktin - Eine kleine Hormonkunde

  
Bereits während der Follikelbildung im Zyklus, bildet der Körper der Hündin das Hormon „Progesteron“. Man nennt es auch „Gelbkörperhormon“, bzw. „Schwangerschafts-Schutz-Hormon“.

Circa 60 Tage nach der Hitze ist dieses Hormon sowohl bei gedeckten, als auch bei ungedeckten, scheinträchtigen Hündinnen in etwa gleicher Menge vorhanden!

  
Gegen Ende der Scheinträchtigkeit nimmt ein weiteres Hormon an Menge zu: Das „Prolaktin“. Dieses Hormon ist dafür zuständig, dass der Körper der Hündin Milch bildet. Die Hündin wird durch starkes Lecken des Gesäuges die Produktion dieses Hormons stimulieren und somit den Milchfluss anregen.

  
Ist eine Hündin scheinträchtig, kann es durch die Anregung des Milchflusses zu massiven Entzündungen des Gesäuges kommen, da die Milch nicht abgesaugt wird und es zu einem Stau im Gesäuge kommt. 

Der Bauch des Tieres sollte in dieser Zeit nicht gestreichelt werden, um eine weitere Stimulation zu vermeiden. Auch bringt Kühlung der Hündin keinerlei Erleichterung.

Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten, der Hündin – die dann auch massive Schmerzen hat – Erleichterung zu verschaffen: Man kann ein Tuch mit essigsaurer Tonerde durchfeuchten und der Hündin einen Wickel um das gesamte Gesäugt umlegen. So kann durch Lecken die Milchproduktion nicht weiter angeregt werden und die essigsaure Tonerde hilft, dass das Gesäuge abschwillt. Und man kann mit einer Hormonkur die Milchbildung einstellen, also „Abstillen“.

  

Verhalten der Hündin in der Scheinträchtigkeit

  

Eine Scheinträchtigkeit ist keine Verhaltensstörung, auch wenn es manchen Hundehaltern so vorkommen mag!

4-8 Wochen nach der Hitze kann Ihre Hündin beginnen, sich eine „Wurfgrube“ zu bauen. Das kann auch schon mal ein Loch im Garten sein, welches wahrhaft königliche Ausmaße annehmen wird. In der Regel wird sich die Hündin aber damit begnügen, geliebtes Spielzeug am Liegeplatz zu „horten“ und dieses als Welpenersatz zu betrachten. Unter Umständen wird die Hündin nun diese „Ersatzwelpen“ vehement verteidigen. Das kann soweit gehen, dass es zu aggressiven Handlungen kommt. Allerdings wird eine gut auf Sie geprägte Hündin kaum Aggression zeigen.

  

Hier ist Verständnis angesagt!

  
Alle Abläufe dieser Zeit unterliegen einer hormonellen Steuerung und sind damit als völlig normal zu betrachten. So gibt es unter den Hündinnen: Zerstörer, Kampfschmuser, scheue Sensibelchen und echte Rüpel.

  
Nach früheren Meinungen nahm man einer solchen Hündin das Spielzeug (Ersatzwelpen) kommentarlos weg. Bitte tun sie das nicht! Sie würden Ihre Hündin nur sehr schwer verstören und es käme unter Umständen zu einem kompletten Vertrauensbruch Ihnen gegenüber! Für Ihre Hündin wäre ein solches Tun gleichzusetzen mit einer Wegnahme von Welpen vor der Abgabezeit! Ihr Hund würde es nicht verstehen und beginnen, zu „kümmern“!

  
Manche Hündinnen sind in dieser Phase ganz extrem verschmust und suchen Zärtlichkeit. Andere Hündinnen reagieren eher angespannt und gereizt. Sie werden allzu enge Kontakte kurzfristig eher meiden. Solche Hündinnen reagieren auch draußen kurzfristig äußerst launisch und ungehalten gegenüber Artgenossinnen.

  
So schwer, wie es Ihnen als Halter fallen mag: Bitte bestärken Sie Ihre Hündin in keinem der vorgenannten Verhalten. Ignorieren sie die „Ersatzwelpen“, rüpelhaftes Verhalten und eine momentan eher schlechtere Bindung an Sie!

  
Forcieren Sie Abwechslung für Ihre Hündin! Lange Spaziergänge, Spieleinheiten und viel Beschäftigung.

  

Warum haben manche Hündinnen mehr Probleme in der Scheinträchtigkeit?

Jede Hündin hat einen ganz individuellen Hormonstatus! 

Auch ist eine genetische Veranlagung heute wissenschaftlich belegt. So sind Hündinnen mancher Zuchtlinien genetisch mehr disponiert für eine Scheinträchtigkeit. Ungeklärt ist jedoch, warum manche scheinträchtige Hündin einen gleich hohen Prolaktinspiegel hat, wie eine tragende Hündin. Hündinnen mit „verdeckten“ Scheinschwangerschaften haben dagegen einen deutlich niedrigeren Prolaktinspiegel.

  

Wie kann man einer scheinträchtigen Hündin „helfen“?

  

Nochmals. Pseudogravidität ist keine Krankheit! Vielmehr handelt es sich um einen völlig normalen und von der Natur erwünschten und benötigten Effekt und als solchen sollten auch wir als Halter einer scheinträchtigen Hündin diesen Zustand sehen!

  
Auch wenn ich mich wiederhole: Bieten Sie Ihrer Hündin dieser Zeit viel Abwechslung, Pflege, Verständnis! Aber: Forcieren Sie unter keinen Umständen ein unerwünschtes Verhalten! Eine Korrektur dessen ist hingegen mit etwas Fingerspitzengefühl immer möglich!

  
Sollte Ihre Hündin unter einem heißen, prall gefüllten Gesäuge, Fieber und Lustlosigkeit leiden, suchen Sie bitte einen Tierarzt auf. Lassen Sie eine Gesäuge-Entzündung ausschließen. Man kann medizinisch auch mit Hormongaben helfen, die für radikale Abkürzung der Scheinträchtigkeit sorgen und den Hund damit psychisch und physisch entlasten. Hierfür bedarf es aber einer klaren Indikation. Rein „vorsorglich“ ist davon strikt abzuraten!

  
Ebenso würde ich zu einer Hormontherapie raten, wenn Ihre Hündin dazu neigt, „depressiv“ zu reagieren. Dann sollte sich das Tier nicht unnötig quälen, denn dieser Zustand beeinträchtigt die Lebensqualität der Hündin doch gravierend.

  
Manchmal verlaufen die Scheinträchtigkeiten bei einer Hündin immer mit heftigen, negativen Begleiterscheinungen wie Appetitlosigkeit, Unlust, Aggression, Depression, Entzündungen und Schmerzen. In solch einem Fall sollte man doch nach Absprache mit einem guten Tierarzt überlegen, ob eine Kastration eine sinnvolle Lösung darstellt. 

  
Hierbei muss man beachten, dass mit jeder Hitze im Leben Ihrer Hündin die hormonelle Ausprägung stärker wird! Verläuft die erste Hitze und Scheinträchtigkeit noch eher „nebenbei“, so werden im Laufe der Jahre beide Vorgänge immer ausgeprägter verlaufen.

  
Übrigens ist es eines der größtem "Ammenmärchen" unserer Zeit, dass man seine Hündin nur ein Mal decken lassen muss und fortan wird es nie mehr zu einer Scheinträchtigkeit kommen!

  

Dennoch: Wir sprechen hier über absolut normale Vorgänge; und als solche sollten wir als Halter diese auch sehen und bewerten.

Und mal ehrlich: Welche Frau würde sich in jungen Jahren (auch ohne Kinderwunsch) die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernen lassen, nur weil die Periode unbequem ist, man ungewöhnliche Hungerattacken hat, oder einfach übler Laune ist? 

  

Ich wünsche Ihnen eine entspannte „Tragzeit“ mit Ihrer scheinträchtigen Hündin und kann aus eigener Erfahrung nur sagen: Es geht vorüber!