Dieses ist die Geschichte der ehemaligen Zuchthündin


N O R I



Nori wurde im März 2002 geboren und lebte in einem der größten Deutschen Vermehrer-Zwinger am Niederrhein.


Irgendwann im Spätherbst des Jahres 2006 wurde Nori einer Tierschutzorganisation übergeben. Sie hatte einfach zu kleine Würfe und war durch eine schwere Autoimmunkrankheit für die weitere Zucht nicht mehr rentabel. Leider war Noris Leidensweg damit nicht beendet. Für sie begann eine Odyssee durch fünf verschiedene Pflegestellen. Keine dieser Stellen wurde dieser Hündin Herr, die so schwere Verhaltensauffälligkeiten zeigte, dass sie als gefährlich für Menschen eingestuft wurde.Letztlich landete Nori in einer Art Sammelstelle in Niedersachsen. Dort lebte sie in einem Freigelände bis zum Mai 2007.


Nun wurde die Tierschutzorganisation gewechselt und Nori sollte nach Hessen gebracht werden. Mittels schwerer Beruhigungsmittel gelang es, den Hund in eine Transportbox zu legen und zu verlegen. Sie landete in einer vorübergehenden Pflegestelle, bei der sie bleiben sollte, bis über ihr Schicksal entschieden werden sollte. Der Weg war eigentlich schon klar: Eine unsozialisierbare, kranke und psychisch vollkommen kaputte Zuchthündin. Nicht vermittelbar und das bedeutet letztlich das Ende.


Der Zufall und das Schicksal wollten, dass diese letzte Pflegestelle bei einer guten Freundin von mir war. So lernte ich Nori kennen und ich wusste von der ersten Sekunde an: Dieser Hund muss zu mir. Es ist Bestimmung. Es war kein langer Weg, Nori zu bekommen. Dieser Hund war nicht vermittelbar und niemand würde sie je haben wollen. Sie zog im Mai 2007 bei uns ein.


Nori! Eine sehr große, braune Labradorhündin aus Vermehrerhaltung mit Papieren, was eine Besonderheit ist, mich aber nie interessierte. Ein schweres, hängendes Gesäuge. Unter dem Auge eine noch offene Wunde mit Narbenbildung. Eine schwere Autoimmunkrankheit, entzündete und tränende Hängelieder und ein durchhängender Rücken. Keine Schönheitskönigin und gezeichnet von einem Leben voller Entbehrungen, Schmerzen und psychischen Qualen. Um den Hals die dicke wulstige Narbe ihrer Stahlschlinge. Die Narbe noch leicht eiternd. Sie Seele völlig leer. Die Augen blicklos, resignierend und stumpf. Immer wachsam und immer misstrauisch. Mit den Pfoten immer auf dem Sprung.


Eine sehr schwere Zeit begann. Nori folgte zwar mir auf Schritt und Tritt und ließ sich von mir auch zögerlich berühren, aber mein Mann und meine damals 20 jährige Tochter hatten keinerlei Chance. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, stellte Nori -mit sehr imposantem Gebiss- sowohl meinen Mann, als auch meine Tochter. Immer musste ich in der Nähe sein und vermittelnd einwirken. Nach nur drei Tagen dann der Spruch meiner Tochter: Entweder geht der Hund, oder ich ziehe aus…! Da ich Nori von der ersten Sekunde an unglaublich liebte und ihr und auch mir vertraute, vermittelte ich zwischen Mann, Tochter und Hund.


Es waren schwere Tage und Nächte ohne Schlaf. Ich hatte keinerlei Hilfestellung von außen und eine mehr als problematische Hündin. Nori hatte Panikattacken vor allem und jedem. Geräusche, Menschen (Männer vor allem), der Anblick einer Zeitung, Autos, Gras, Hunde, Welpen, Kinder… eben alles. Das Hauptproblem waren aber Türen. Ein bei Zuchthunden nicht ungewöhnliches Problem. Nori war kaum durch eine Tür zu bewegen. Nur mit viel Geduld, Geschick und Bestechung „kroch“ sie flach eingeduckt in unglaublichem Tempo unter den Rahmen durch.


Ein weiteres Problem waren die Fütterungen. Nori kannte keinen Napf und musste zudem daran gewöhnt werden, dass erst unsere Ersthündin fraß und dann erst sie. Das Klappern unseres höhenverstellbaren Napfes war für Nori ein Hindernis, den Napf trotz Hunger zu nutzen. Handfütterung ging auch nicht. Nori kam nicht ran und wenn, hätte ich keine Hand mehr gehabt. Sie war in dieser Beziehung nicht kontrollierbar.

Wir hatten mit unserer Vermehrerhündin also „Baustellen über Baustellen“.



Ohne Hilfe von außen und nach vielen „Grübelnächten“ beschloss ich, alles, was ich je über Hundeerziehung gelernt habe, einfach über den Haufen zu werfen. Ich hatte keine normale Hündin und außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.


Ich begann, Nori „kontrolliert“ einfach zu ignorieren. Die Liebe und Zuwendung, die unsere Ersthündin gewohnt war, machten Nori nur Angst und schürten Panikattacken.


Ich richtete ihr ein Lager zentral ein, von dem aus sie mich immer sehen kann, dass aber als absoluter Rückzugsort für Nori galt. Wenn sie dort lag, war sie für jeden von uns völlig unantastbar. Ich schaffte ihr eine zweite Rückzugsecke, in der sie allein sein konnte und von niemandem konfrontiert werden würde, wenn sie es so wollte.

Wir hängten alle Türen in unserer Wohnung aus. Der Futternapf wurde so mit feinen Lederriemchen umwickelt, dass er absolut nicht klappern konnte. Im Napf lag ein großer Stein, der das gierige Schlingen verhinderte.

Das Grundstück wurde so gestaltet, dass es einem Hochsicherheitstrakt glich.


Zeitgleich begann ich, Nori nicht mehr zu schonen, was Geräusche betraf. Ich saugte Staub, lief hin und her, klapperte mit Töpfen und das Radio lief den ganzen Tag. Ich ignorierte kontrolliert und gewissenhaft. Immer beobachtete ich aber aus den Augenwinkeln, wie es Nori geht. Im Grunde begann ich ein Sozialisierungsprogramm, wie es für Welpen optimal ist. Wenn sie sich erschreckte, beruhigte ich nur mit gelassenen kleinen Worten, aber nie damit, dass ich streichelte und die Sache hochspielte. Nori musste lernen, dass Erschrecken okay ist, weil einfach nichts passiert, was ihr wehtun könnte.


Nori versuchte, sich aus unserem Grundstück auszugraben. Unser damaliges Haus stand in einen Berg gebaut und dennoch schaffte sie es, sich eine Höhle zu graben, die sage und schreibe 1,60 m tief war. Ich konnte fast aufrecht darin stehen! Also neue Eingrenzungen und Zugang zur Höhle versperren.



Dann der Knackpunkt: Nori musste kastriert werden. Ich wusste, dass Nori bei der letzten Hitze im März des Jahres fast verblutet wäre. Die Blutwerte waren noch bei uns so schlecht, dass ich täglich Eisentabletten verabreichen musste.

Also genaueste Planung, denn eine Angsthündin zum Arzt zu bekommen, geschweige denn untersuchen zu lassen, ist eine Herausforderung für sich!

Wir hatten eine tolle Tierärztin und mit unglaublichem Aufwand (Nori ließ sich noch immer nur von mir berühren) gelang es, Blut für alle Tests abzunehmen und eine Untersuchung machen zu lassen.

Eine Woche später dann der OP-Termin. Nori wehrte sich so verzweifelt gegen die Narkosespritze, dass ich, mit tränenüberströmtem Gesicht weinend, an meinen Hund geklammert, gekuschelt und ihr zärtliche Worte ins Ohr flüsternd, fast selber die Fassung komplett verlor. Ich weiß, dass das nicht toll von mir war, aber ich liebte meine Hündin so sehr und es schmerzte ungemein, sie so sehen zu müssen.

Nach weiterem Nachspritzen legte Nori sich endlich hin. Ihren Blick werde ich niemals wieder vergessen. Sie dachte, dass ich sie über die Regenbogenbrücke schicke.

Zäh, wie Vermehrerhündinnen sind, hat sie sich schnell von der OP erholt. Fast wäre es ja zu spät gewesen! Noris Gebärmutter lag wie eine verschlungene 8 im Körper und der Kreuzungspunkt eiterte bereits durch. Eine Woche später wäre sie tot gewesen! Wir waren erleichtert. Nach der Kastration war sie endlich wirklich „frei“. Sie war „unbrauchbar“ geworden!


Inzwischen hatte ich begonnen, Nori an das Leben „draußen“ auf den Spazierrunden zu gewöhnen. Sie lief brav an der Leine, aber sie sollte auch ihren eigenen Aktionsradius bekommen. Für ihr Selbstbewusstsein unerlässlich! Heute weiß ich, dass ich im Grunde todesmutig war. Einen Hund mit unkontrollierbaren Panikattacken von der Schleppleine zu lassen ist fahrlässig.


Wir lebten hier im Sauerland in einer Gegend, wo noch überall leinenfreies Gebiet war. Weite und gut überschaubare Flächen. Das Experiment „Freiheit für Nori“ startete endgültig.

Nori erwies sich für mich abrufbar. Mit leiser Stimme und viel Ruhe kam sie immer wieder zu mir. Ich entwickelte einen regelrechten siebten Sinn dafür, ob das Gelände frei ist, oder wann wir mit Außeneinflüssen zu rechnen hatten. An der Leine reagierte Nori panisch auf kleine Menschengruppen, Männer, Fahrräder, Kinder und andere Hunde, wenn sie klein waren.


Arbeit! Immer wieder lange Spaziergänge mit Freilauf, aber auch mit Zeiten der Konfrontation. Wir wohnten in einem Wandergebiet und begegneten immer wieder Wanderern, Radfahren, Skiläufern etc.! Nori musste es lernen.


Nach etwa einem Jahr lief Nori auf den Spaziergängen leinenfrei neben mir her. Sie genoss diese Freilaufzeiten sehr. Bei Konfrontation mit Menschen ging sie sofort an mein Bein und blieb dort, bis die vermeintliche Gefahr vorüber war.


Ich hatte mit ihr zusammen eine Art Zeichensprache entwickelt. Nori reagierte auf Gebärden und Gestik. Sie wusste, dass es laute Kommandos nur dann gab, wenn wirklich „Gefahr“ in Sicht war, wie z.B. ein schneller Mountainbiker hinter uns. Jedes Handzeichen zwischen uns wurde schnell und sauber ausgeführt. Nori lief auch an einer vielbefahrenen Straße souverän neben mir her. Menschen ignorierte sie. Versuchte man allerdings sie anzufassen, ging sie zurück. Sie drohte nicht mehr, sondern ging der Situation gelassen aus dem Weg. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt noch gelegentliche“ Flash-Backs“, also Situationen die sie in unkontrollierte Panik versetzten. Es sind eine Art Blitzlichter aus der Vergangenheit. Hunde haben kein langes Erinnerungsvermögen, aber negative Verknüpfungen setzten sich wie kleine Blitzlichter im Hirn fest. In gewissen Verknüpfungssituationen tauchen diese Erinnerungsblitze dann auf und rufen Panik hervor.


Nach diesem ersten Jahr konnte mein Mann Nori auch anfassen und leicht vorsichtig streicheln. Ebenso meine Tochter. Besucher privater Art hatten wir kaum noch. Nori hat unsere vermeintlichen Freunde verscheucht. Auch daran kann man erkennen, wer wirklich ein Freund ist!


Wir gingen im zweiten Jahr in die entscheidende Phase. Konfrontation der offenen Art mit unseren Gästen. Ich hatte eine hundefreundliches Hotel mit vielen Menschen rund ums Jahr. Volltreffer! Nori erwies sich als toller Hotelhund, der Kontakt zu Gasthunden suchte und auch mal gestattete, dass weibliche Gäste sie streicheln. Männer blieben ihr immer suspekt. Bis zu ihrem Tode gestattete sie nur wenigen Männern, sie zu berühren.


Aber noch immer gab es endlos viele Dinge, die Nori nicht kannte, weil ihre Psyche eine Sperre errichtete. Ich konnte mit ihr schmusen, aber sie lag nie auf dem Rücken. Beim Kuscheln war Nori immer sprungbereit. Zu innige Zärtlichkeiten erfüllten meine wunderbare Hündin noch immer mit Misstrauen. Zu diesem Zeitpunkt kam im Juni 2008 unsere zweite Vermehrerhündin und damit unser dritter Hund zu uns.


Abby war eine Vermehrerhündin der ganz besonderen Art. Ein extremer Kampfschmuser. Abby lag 80% des Tages auf dem Rücken und ließ sich den Bauch kraulen.


Nori und Abby bildeten ein tolles Gespann. Unsere Ersthündin Kara war immer etwas verhalten, aber unsere Zuchthündinnen bildeten ein festes Band. Profitiert hat davon ganz unglaublich Nori.

Immer wieder beobachtete sie, wie wir zärtlich und sehr innig mit Abby schmusten. Endlich dann der Tag, an dem Nori auf dem Rücken liegend, grunzend und mit breitem Lächeln im Gesichtchen morgens vor meiner Bettseite lag. Vorsichtig legte ich mich zur ihr auf den Boden und streichelte sie. Ein ganz, ganz großes Wunder geschah! Zum ersten Mal konnte ich Nori fest in den Arm schließen. Sie kuschelte ihren Kopf an meine Schulter, schloss die Augen und grummelte zufrieden. Als ich sie loslassen wollte, forderte sie mit Pfote und Schnauze mehr Zärtlichkeiten ein. Nach diesem Tag bekam unsere Beziehung nochmals mehr Intimität und Innigkeit.


Nori entwickelte sich zum Kampfschmuser - selbst bei meinem Mann. Sie wurde souverän und selbstbewusst. Geräusche interessierten sie nicht mehr. Eines Tages fiel mir ein großes Fleischmesser in der Küche auf den Boden und sie zuckte nicht mal mehr.


Sie hatte eine sehr persönliche und äußerst enge Bindung zu mir, aber sie klammerte nicht mehr. Sie blieb mit den anderen Hunden auch ganz gelassen mal allein.


Für mich wurde sie zu einer völlig „normalen“ Hündin – nach den 3 Jahren, wo sie bei uns lebte. Außenstehenden fielen noch kleine Unsicherheiten auf, die waren aber belanglos. Nori hatte gelernt, dass Menschen nicht nur schlecht sind. Sie ließ sich auch mal von einem Kind streicheln. Kleine Hunde und Welpen erschreckten sie nicht mehr zu totaler Erstarrung. Sie schlief endlich gemütlich in die Türrahmen gekuschelt und auf dem Sofa bei uns konnte sich sich völlig entspannen und in einen tiefen und erholsamen Schlaf fallen.


Es war ein langer und ein sehr schwerer Weg. Nori ist daran gewachsen, aber vielleicht ich noch mehr. Ich habe von Nori unendlich viel lernen dürfen. Sie hat mich ruhiger, beherrschter und gelassener werden lassen. Sie hat mich gelehrt, dass man mit Tieren kommunizieren kann und ich bin ihr endlos dankbar dafür.

Unser gemeinsamer Weg ging langsam zu Ende und ich war fassungslos und unstillbar  traurig.


Im März 2010 wurde bei Nori ein schwerer und irreparabler Herzschaden diagnostiziert. Sie hatte ein riesiges Loch in der einen Herzkammer. Die Klappen schlossen nicht mehr richtig. Wir wussten: Sie wird daran sterben und der Zeitrahmen wird kleiner und kleiner.


Wir versorgten sie mit allen notwendigen Medikamenten. Wir füllten ihr Leben nicht mehr mit Tagen, sondern ihre Tage mit Leben. Sie wurde immer schwächer.


Ich lernte jetzt alles über Sterbebegleitung. Meine geliebte, wundervolle und einzigartige Hündin würde geliebt, behütet und umsorgt auf ihre letzte Reise gehen, wenn sie mir sagt, dass es soweit ist. Ihr Leben wird nicht auf dem Betonboden eines Zwingers enden.

Nori starb am 21. September 2010 in unseren Armen. In der Sekunde ihres Todes fiel ein Sonnenstrahl in ihr Körbchen und ließ ihr so unglaublich schönes Fell golden leuchten.

Mit Nori´s Tod fiel ich in ein riesiges, dunkles Loch. Sehr, sehr lange konnte ich mich innerlich nicht von diesem Schicksalsschlag erholen. Jeder Versuch, die Suche nach einem neuen Hund zu beginnen, wurde von mir im Keim erstickt.

 

Bis heute meine ich, ihre Schritte manchmal still neben mir zu hören und ihren so wundervollen Geruch nach Sonnenschein und Natur zu riechen.

Nori liebte orangefarbene Blumen so sehr! Voller Andacht konnte sie davor stehen, schauen und sanft schnuppern. Ich stelle mir vor, dass sie nun in ihrer anderen Welt über Wiesen voller orangeroter Blumen läuft. Ihr rotgoldenes Fell glänzt in der Sonne und inzwischen spielt sie dort mir unsere Kara und unserer geliebten Abby. Lauf mein Mädchen. In meinem Herzen wirst Du immer einen ganz, ganz besonderen Platz haben. Ich liebe Dich sehr!

 

Als Buddhistin glaube ich an die Wiedergeburt. So bleibt mir die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Wir werden uns erkennen, den wir liebten uns...

 

NORI geboren 29.03.2002 - gestorben 21.09.2010